Auszüge aus dem Reisetagebuch "Sibirischer Sommer"

...Ich habe gerade in unserer Gästewohnung zwölf Fliegen erschlagen müssen, nur um etwas Ruhe beim Schreiben zu haben. Ich bin in Jakutsk. Im Herzen Sibiriens. Es ist heiß. Es sind 28°C im Schatten und am Himmel über der Lena sind nur einige wenige weiße Wölkchen zu sehen. Ich kann es mir kaum vorstellen, im letzten Winter herrschten hier fast 80°C weniger, der kilometer-breite Strom der Lena war fast zwei Meter dick zugefroren. Oberhalb von Jakutsk, bei der Stadt Lensk, mußten Kampfflugzeuge das Eis bombardieren, um riesige Überschwemmungen der weiten, flachen Aue mit dem Frühjahrs-Eisaufbruch zu verhindern...

...Immer noch keine Mozzies weit und breit. Ich habe langsam einen schrecklichen Verdacht: Sie bereiten eine Offensive vor. Die Ruhe vor dem Sturm. Die Ahnung vom Untergang. Ihr wißt schon, all das, wozu Moskitos halt so fähig sind in ihrer ungebändigten, freiheitsliebenden und radikal aufs Saugen ausgerichteten Lebensweise in den weiten Steppen Sibiriens. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter...

...Nun denn, heute morgen haben wir die leicht verderblichen Waren für die Expedition gekauft, natürlich auf dem Basar. Auch Angelhaken und Blinker wurden von Vitja erworben. Ich weiß zwar noch nicht, wie wir die Fische, die auf diese Haken passen, ins Boot kriegen sollen, aber man wird sich hier schon auskennen, denke ich im Vertrauen. Und wir haben Kumis gekauft. Was ist Kumis, fragt sich der durchschnittliche Mitteleuropäer, zu dem wir ja alle ein wenig gehören ? Das ist vergorene Milch von jakutischen Pferdestuten. "Wow", spricht der Mitteleuropäer und denkt heimlich "würg". Wahlweise in süßlicher oder saurer Variante. Vergoren bedeutet Alkohol, also muß der Schweinkram mal von uns getestet werden. Wer hat schon mal dünne, wässrige Milch getrunken ? Die dazu noch süß oder sauer schmeckt ? So prickelt, als ob Brausepulver darin wäre ? Riecht, wie saure Milch halt so riecht ? Von manchen beim ersten Mal als abführendes Erlebnis wahrgenommen wird ? Und letztendlich betrunken macht ? Ihr seid sicherlich gerade auch so begeistert wie ich...

...Ich bin unterwegs, ich bin auf dem Fluß. Auf der Lena, mit 4210 Kilometern einer der längsten Flüsse dieser kleinen blauen Kugel, auf der wir uns herumdrucksen...
...Und der erste Eindruck vom Fluß ...ist der von schierer Größe. Der Fluß ist riesenbreit, drei, vier, ja fünf Kilometer, viele große Inseln liegen mitten darin.
Wir kreuzen, gute Fahrt mit 20-25 km/h machend, auf dem träge fließenden Wasser von Prallhang zu Prallhang, um nicht auf Sandbänken aufzulaufen. Rechts und links wechselt sich die Landschaft „rasend schnell“ ab. Nach Birken kommen Lärchen, dann Birken und Lärchen. Wieder Birken. Lärchen. Birken. Endlos. Zwischendrin vereinzelte Ansiedlungen, Weiden und Wiesen mit großen Heuhaufen. Das Heu wird im Winter über den bis zu anderthalb Meter tief zugefrorenen Fluß mit Lastkraftwagen oder Schlitten abgeholt...

...Und schon sind wir nach hurtiger, dennoch langer Fahrt an der Mündung des Flusses Aldan in die Lena. Man kann leider nicht erkennen, daß hier ein Fluß in einen Fluß mündet. Ein wenig protzig, denke ich, haben die Planer des Gewässers das Ganze schon angelegt, irgendwie überdimensioniert und schlecht überschaubar. So viele Inseln, soviel Wasser. Man hätte sich vorher erkundigen müssen, wie das auf das Gemüt simpler Menschen wirken kann...

...Heute ging es früh hoch hinaus mit uns. Der geologische Aufschluß, wieder ein Eiskomplex, liegt etwa 50 m über mir, irgendwo dort im Gestrüppwald muß er sein. Hagebutten, große rote und kleine schwarze Johannisbeeren versüßen mir den Aufstieg. Der Aufschluß mit seinen eisreichen Ablagerungen ist eine wahre Schlammgrube bei den sommerlichen Temperaturen. Ständig stürzen sich große Flatschen schwarzbraunen, modrigen Schlammes von den normalerweise gefrorenen, jetzt aber zerfließenden Eiswänden in die sumpfigen Pfuhle davor und gehen in der breiigen Masse ihrer Vorgänger auf. Nicht ohne uns vorher mit unzähligen Schlammtropfen zu übersäen, die in kurzer Zeit auf unseren Sachen getrocknet sind und uns wie die "das-Ding-aus-dem-Sumpf" aussehen lassen. Vereinzelte Mozzies wagen währenddessen Testangriffe in der prallen Sonne. Aber wir überleben allesamt. Beim Abstieg werden wir dann auf ein paar junge Jakuten aufmerksam, die unvermittelt am Hang aufgetaucht sind und uns neugierig beäugen. Unten am Boot angelangt warten noch mehr von ihnen und zwei Erwachsene sind auch dabei. Wir haben hier eine jakutische Öko-Ferienlagergruppe mit Bio- und Geschichtslehrer vor uns, wie wir herausfinden. Kam ich mir anfangs wie der Konquistador und Eindringling in jungfräuliches und von der Zivilisation nahezu unberührtes jakutisches Gebiet vor, mußte ich jetzt schnellstens meine Ansicht revidieren: auf uns "Wissenschaftler", die wir dazu zum Teil noch aus dem exotischen Deutschland kamen, wurden, als wir als solche erkannt waren, sofort zwei Videokameras und mehrere Fotoapparate gerichtet...

...Die Sonne steht als feuerroter Ball über mir, neblige Schwaden wabern um mich herum. Die Stadt ist wie in Watte gepackt. Es ist Räuchertag. Von großen Waldbränden im Umland legt sich ein Schleier leicht beißenden Rauches über die Stadt. Die Lage im Flußtal verhindert eine Windentwicklung, so daß Jakutsk seinem Schicksal nicht entkommt. Gestern habe ich meine Wäsche frisch gewaschen auf den Balkon aufgehängt. Wenigstens ist sie trocken geworden. Eine Änderung dieser Verhältnisse ist in Kürze nicht abzusehen, da Regen nicht in Aussicht steht. Zentraljakutien ist eben ein sehr arides Gebiet. Wir sind heute morgen schon sehr zeitig mit einem Jeep auf eine geologische Exkursion ins nördliche Umland von Jakutsk gefahren. Es ging über Highways, Strassen, wilde Strassen, Schotterwege, Sandpisten, Trampelpfade und angedeutete Wildwechsel, die Luft immer mit Staub und teils mit Rauch geschwängert. Die manchmal steppenähnliche Landschaft mit vereinzelt grasenden, stämmigen jakutischen Pferden und Kühen erinnert mich im Geist an Afrikas Zebra- und Gnu- gefüllte Savannen. Ich überlege, mit welchen Mitteln ich bei meinen geschossenen Fotos Streifen auf die Pferde bekomme. Es ist nach der kühlen Nacht wie versprochen sehr warm geworden, was ein Übriges zum Afrikaeindruck hinzufügt. Allerdings stimmt die Weisheit der Einheimischen über die ersten Frostnächte anscheinend nicht so ganz. Etwa zweihunderttausend kleine beißwütige Fliegen (die gleichen, mit denen ich nach dem Banya-Besuch schon Bekanntschaft gemacht hatte) ließen sich zum Festmahl auf uns nieder...

...Es war 07.40 Uhr, als wir von der Unterkunft losfuhren. Wir mußten uns sehr beeilen, wir hatten nur knapp ein und eine Viertelstunde von hier bis zur Anlegestelle der Autofähre zur Verfügung, eine sehr knapp bemessene Zeit für die Strecke. 09.00 fährt sie ab. Die nächste Fähre würde viel später fahren und die Zeit für das Museum zu kurz werden, weil die letzte Fähre zurück schon wieder 16.00 Uhr abgeht. Ein angepaßter Fahrstil für diese Voraussetzungen mußte gefunden werden. In Deutschland bezeichnet man einen solchen Fahrstil als den einer wilden "Raub-Sau". Pisten, auf denen zu Hause 30 erlaubt wären, und man 50 fährt (wenn das Auto geschont werden soll), max. 70 (wenn man es eilig hat), auf denen sind wir 115 km/h mit einem B-1000-ähnlichen Gefährt ohne Sitzgurte entlang geschossen. Die vielen nicht von Einzäunungen eingesperrten, wild weidenden Kühe am Strassenrand schauten verwundert auf. Ich sah noch im Vorüberflug Fragezeichen über ihren wiederkäuenden Köpfen auftauchen. Und schon waren wir vorbei. Pferdeherden preschten aus dem hohen Gras ins Gebüsch davon. Zisch, Rumpel, eine Staubwolke und vorbei. Kawumm, ein Schlagloch, Krach, ein Frostriß im Asphalt, Ratterratterratter, Quietsch, und nun nur noch einige Kilometer Schotter-Sandpiste bis zur Anlegestelle, von schweren Kohlelastern zerfahren und gespurt, vom letzten Regen noch schlammig, teils schon von getrocknetem und verkrustetem Schlamm bedeckt, lustigerweise am Rand ein Dreißiger-Verkehrsschild ...

...Seegang Stärke acht war manchmal schon zutreffend, es hat einen kräftig durchgeschüttelt, die alte Kiste. Aber es hat Spaß gemacht, wir haben unzählige Fotos geschossen, von denen wir noch nicht wissen, was darauf zu sehen sein wird, weil alles so wackelte. Insgesamt fast eine Stunde waren wir mit dem Doppeldecker in der Luft, Maximalhöhe 2.000 Meter über der Taiga. Von einem lärmenden Propeller getrieben und in der Luft gehalten, knatterten wir über Herbstwälder, Seen und teilweise noch brennende Taiga, wobei in verschiedenen Höhen Luftproben genommen und einige Messungen gemacht wurden...

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