Zum Hintergrund des Buches "Sibirischer Sommer - Letters from the other side"

Wie schmecken gegorene Stutenmilch und Trockenfisch? Wie kalt ist Dauerfrostboden im Sommer? Was haben arabische Emirate und Jakutien gemeinsam? Welche Gedanken bringt der Sternenhimmel überm Aldanfluss? Welche Farbe haben die herbstlichen Birken auf den Auen der Lena? Planen genmanipulierte Killermücken ein Angriff auf ein deutsches Forscherteam?

Im Sommer 2001 besuchte ich mit zwei weiteren Geowissenschaftlern vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Potsdam, Lutz Schirrmeister und Christine Siegert, Jakutsk, die Hauptstadt von Jakutien. Diese sibirische Republik befindet sich weit im Osten der Russischen Föderation. Während des als einmonatigen Forschungsaufenthaltes geplanten Besuches erlebte ich eine sehr intensive Zeit in Jakutsk und der weiteren Umgebung entlang der riesigen sibirischen Flüsse Lena und Aldan. Sibirien und Jakutien sind für die meisten noch immer Synonyme für weit ein entferntes, unbekanntes und rätselhaftes Land. Viele verbinden damit auch Begriffe wie Verbannung und Gulag. Trotz dieser harten Vergangenheit habe ich 2001 ein anderes Sibirien erlebt. Wie die meisten, die das Land einmal bereist haben, beeindruckten mich die Größe und Weite der Landschaften. Gleich außerhalb der Randbezirke von Jakutsk beginnt die Taiga, der unendlich scheinende Wald Sibiriens.

 

Jakutsk hat keine Eisenbahnverbindungen und die wenigen Straßen, die aus der Stadt heraus führen, verlieren schon bald ihren Straßencharakter. Aber Jakutsk liegt an der Lena, dem großen sibirischen Strom, der schon seit der Stadtgründung die wichtigste Lebensader der Metropole darstellt. Jakutsk selbst befindet sich auf dem westlichen Ufer der Lena. Die Stadt ist voller Kontraste, erbaut aus alten Holzhäuschen, Plattenbauten und moderner Architektur. Bewohnt wird sie von Jakuten, Russen, Ukrainern und unzähligen Menschen anderer Herkunft. In der Stadt existieren Mentalitäten zwischen Aufbruch und Resignation zugleich. Mir schien während meiner Reisen, dass sich dieses riesige Land nur schwer objektiv erfassen läßt. Mit dem Buch versuche ich, für einen kleinen Teil, für Jakutsk, meine erlebten Eindrücke wiederzugeben und zu vermitteln. Ich glaube, vor allem die manchmal aberwitzigen kleinen Ereignisse aus dem sibirischen Alltag haben die Reise gewürzt und intensiviert. Vor allem deshalb wird dieses Buch deutlich anders als die wunderbaren Reiseberichte über fantastische Landschaften, arme Menschen und unendliche Weiten a la Ruge oder Bednarz. Doch solchen journalistischen Anspruch erhebe ich hier gar nicht. Auch die Wissenschaft, wegen der ich eigentlich in Yakutsk war, steht nicht im Vordergrund dieses Buches. Hauptsächlich handelt es von den ersten Eindrücken, mit denen ich konfrontiert worden bin. Das, was mir zuerst aufgefallen ist, wenn ich durch die mitteleuropäische Brille einen Blick auf die Andersartigkeit Sibiriens geworfen habe. Was kommt als nächstes, habe ich mich damals ständig gefragt. Und bin immer wieder überrascht worden. Im Laufe des Aufenthalts habe ich auch gemerkt, wie sich mein Blickwinkel auf das normale Leben in Jakutsk veränderte. Warum manche absurd erscheinende Gegebenheiten so sind, wie sie sind. Und manchmal gar nicht so absurd sind, wie sie erscheinen.
Ich habe mit dieser Geschichte meine täglichen Eindrücke von Land und Leuten für meine Freunde zu Hause notiert und als Tagebuchausschnitte an diese geschickt. Daher der Titel des Buches. Herausgekommen ist eine nachdenklich-humorvolle (oder eher andersherum) Sicht auf Natur und Menschen.

Guido Grosse (Autor)
und
Lutz Schirrmeister (Herausgeber)

 
 

 

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